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Leiter des Komitees Olympia-kritisches Graubünden

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Internationale Medien

Der Weg zu OWS2022

• 03. März 2013:
«Graubünden 2022» ABGEWÄHLT

• 17. Oktober 2013:
«Barcelona 2022» VERZICHTET

• 10. November 2013:
«München 2022» ABGEWÄHLT

• 17. Januar 2014:
«Stockholm 2022» VERZICHTET

• 26. Mai 2014:
«Krakau 2022»
ABGEWÄHLT

• 30. Juni 2014:
«Lwiw 2022»
VERZICHTET

• 31. Oktober 2014:
«Oslo 2022»
VERZICHTET

• 31. Juli 2015:
«Peking 2022»
The Winner is the IOC

Macht Platz

01.03.2013

Die Graubündner müssen entscheiden, ob sie die Winterspiele 2022 haben wollen. Die Frage ist: Wer will sich dem Diktat des Olympischen Komitees noch unterwerfen? (Süddeutsche Zeitung).

VON HOLGER GERTZ

Das Bündner Tagblatt aus Chur hatte am Mittwoch eine ganze Seite dem Thema des Tages gewidmet. Der Artikel trug die versöhnliche Überschrift: „Viel Akzeptanz, breiter Konsens und wenig Kritik“, der Tenor: Man werde das Problem mit den Großraubtieren schon in den Griff kriegen. „Bei einigen Leuten habe ich das Gefühl, dass sie die Wölfe am liebsten streicheln würden“, sagte in dem Text ein Lokalpolitiker mit dem angemessen schweizerischen Namen Hans Krättli, und bezogen auf das Thema, über das sie debattierten, hat er sicher recht. In Graubünden sind Wölfe aufgetaucht, kein einzelnes Tier, sondern ein komplettes Rudel. Es gibt Ärger mit den acht Wölfen in Graubünden, oder mit den Menschen, die sich für die Wölfe interessieren. In Vollmondnächten ziehen Schaulustige los, sie wollen die Wölfe heulen hören.

Das zweite große Thema dieser Tage in Graubünden ist auf verschiedenen Ebenen mit den Wölfen verbunden. Alte philosophische Erkenntnis: Alles hängt mit allem zusammen. Dass jetzt wieder Wölfe da sind, ist erst mal kein schlechtes Zeichen für den Zustand der Natur. Wenn die Olympischen Winterspiele nach Graubünden kommen, könnte das der Natur sehr zusetzen, das fürchten viele hier. Sie fürchten auch das Internationale Olympische Komitee (IOC), das vom Ausrichter alles fordert – prächtige Sportanlagen, herrschaftliche Unterkünfte für die Funktionäre und natürlich ein perfekt ausgearbeitetes Sicherheitskonzept – aber selbst nicht für annähernd so viel garantieren mag. Der Ausrichter trägt das finanzielle Risiko, das IOC streicht den Großteil des Ertrags ein. Wer das IOC als Klub von Großraubtieren bezeichnet, liegt nicht komplett daneben.

Es gibt Graubündner, die die echten Wölfe, die schon da sind, für kein Problem halten. Aber die anderen Wölfe, die wären ein Problem, wenn sie kämen.

Am Sonntag ist Volksabstimmung. Es geht landesweit und im Allgemeinen um die Änderung des Raumplanungsgesetzes und um eine Initiative „Gegen die Abzockerei“. In Graubünden geht es im Speziellen um Abzockerei mit terminiertem Datum. Winterspiele vom 11. bis 27. Februar 2022, Austragungsorte Davos und St. Moritz. Sagt die Mehrheit der Bürger Nein, hat sich das Projekt, das im Moment mehr als nur eine Idee ist, erledigt. Sagen die Bürger Ja, kann die Idee zur Kandidatur verdichtet werden. Vergeben werden die Spiele 2015. Das Interesse in München, Oslo und Lemberg ist eher vage, die Pläne dort sind weniger als eine Idee, die Konkurrenten Graubündens sind im Moment nur Schatten. Olympia ist insgesamt nicht mehr so attraktiv wie früher, wegen der Finanzkrise, wegen der Knebelverträge des IOC. Für die Winterspiele 2002 gab es neun Bewerber, für 2010 sieben, für 2018 drei.

Und 2022? Wenn die Bewohner des Kantons Ja sagen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Winterspiele tatsächlich in Graubünden stattfinden werden. Es geht bei der Abstimmung darum, ob Graubünden die Olympischen Spiele braucht, es wird auch noch darum gehen, ob die Olympischen Spiele eher Graubünden brauchen. Ziemlich wesentliche Fragen.

Chur, der Hauptort von Graubünden, gilt als älteste Stadt der Schweiz, in der Nähe vom Bahnhof ist das Café Maron. Es gibt süßes Gebäck, Nusstörtli, Bündner Steinböckli, Khurer Küsse, aber Silva Semadeni belässt es beim Kaffee. Sie hat nur kurz Zeit, gleich muss sie weiter. „Ich habe Telefonanrufe, den ganzen Tag“, sagt sie. „Gerade habe ich mit einem Urlauber im Oberengadin gesprochen, er hat gesagt, er kann nur den Kopf schütteln, warum man sich so einer Gigantomanie ausliefern will.“

Silva Semadeni, 61, ist in Poschiavo aufgewachsen, südliches Graubünden. Lehrerin, Umweltpolitikerin, Präsidentin der Naturschutzorganisation Pro Natura, außerdem sitzt sie für die Sozialdemokraten im Nationalrat, dem Schweizer Parlament. Längst ist sie auch Vorsitzende des olympiakritischen Komitees. Wenn der Widerstand ein Gesicht hat, ist es das Gesicht dieser freundlichen Frau, ovale Brille, leicht italienisch gefärbter Stimmklang, in Poschiavo spricht man Italienisch. Silva Semadeni hält den Ausgang der Abstimmung für offen und die Folgen der Abstimmung für gewaltig. Sie sagt: „Es geht um die Zukunft unseres Kantons.“

Sie hat eine Menge Unterlagen dabei, um auf dem Tisch Platz für alle Mappen zu schaffen, räumt sie die Zeitung beiseite, das Bündner Tagblatt mit dem Wolfsartikel. Jaja, sagt sie, die Großraubtiere sind ein Riesenthema, nicht nur Wölfe aller Art. Gerade ist, nicht weit von Poschiavo, ein Risikobär abgeschossen worden, M 13 nannten ihn die Spezialisten. Der Bär war den Siedlungen zu nahe gekommen und auch durch – so zärtlich formuliert es nur der Schweizer – Vergrämungsaktionen nicht auf Distanz zu bringen gewesen.

Silva Semadeni und ihre Gruppe setzen auf Information, es gibt im Internet Seiten, auf denen Fakten aufgelistet sind, sie widersprechen den Argumenten der Befürworter, Bundespräsident Ueli Maurer zum Beispiel, und Bewerbungschef Gian Gilli. Gilli ist der bekannteste Sportmanager der Schweiz, ein bisschen Ion Tiriac, ein bisschen Franz Beckenbauer. Ein glänzender Redner, noch dazu im Graubündner Heimatklang. Von Tal zu Tal und Dorf zu Dorf und Podium zu Podium ist er gereist, um über Charme und Chancen der Spiele zu sprechen. Belebung der Wirtschaft, Imagegewinn für die Region, ökologische Nachhaltigkeit. Anzeigen in den Lokalzeitungen, überregional trommelten die Blätter der Ringier-Gruppe, Sporthelden wie Dario Cologna sagten Ja zu Olympia. Gerade wird eine Propagandaschlacht geschlagen, man kann sich geschlagen geben.

Man kann sich auch durch Diagramme und Berichte über Spiele der Vergangenheit arbeiten. Steht ja alles im Netz. Die längerfristigen Untersuchungen an Orten, in denen Winterspiele veranstaltet worden sind, belegen selten, dass auch nur eines der Versprechen aus der Zeit vor den Spielen wahr geworden wäre. Die olympischen Bilanzen sind Vergrämungsaktionen für Olympiafans.

1972 in Sapporo wurden für die AbfahrtspisteSchneisen in ein Naturschutzgebiet geschlagen, erst 34 Jahre später wurde die Natur wieder für intakt erklärt. In Calgary 1988 wurden 80 Kilometer Gefrierleitungen verlegt, um sich gegen den Chinook zu wappnen, eine besonders tückische Unterart des Föhnwinds. Über die Spiele 1992 in Albertville hat gerade der Tiroler Fotograf Lois Heckenblaikner im Tagesanzeiger gesprochen. Heckenblaikner fotografiert die Orte, wenn die Party vorbei ist. Als er, lange nach den Spielen, in Albertville war, fand er „Stadien, die wie ein deplatziertes UFO vor sich hin rosten, ein Ortszentrum wie eine heruntergekommene Wildwest-Stadt, architektonisch vermurkst ohne Ende“.

„Die Leute haben keine Freude an der Sauerei, die nach einem Wildtier-Riss zurückbleibt“, hat der Lokalpolitiker Hans Krättli gesagt, mit Blick auf die Wölfe. Aber alles hängt ja mit allem zusammen. Die Leute haben auch keine Freude an der Sauerei, die zurückbleibt, wenn der Olympia-Tross weitergezogen ist. Sinnlos im Panorama herumstehende Anlagen, sogenannte Weiße Elefanten, überall Schulden, manchmal ein paar Erinnerungen an spezielle Momente, in denen sichtbar wurde, dass der Winter oft nicht mitzuspielen bereit ist, wenn Winterspiele stattfinden. 1928 – auch in St. Moritz – wurde der Eisschnelllauf abgebrochen, nachdem die Sonne rausgekommen war. Der Amerikaner Irving Jaffee wurde vom Tauwetter um seine Goldmedaille gebracht, sein Name kommt seitdem gelegentlich als Antwort in Quizsendungen vor. Zugehörige Frage: Wem kam immer das Kotzen, sobald er den Song „Here comes the sun” hörte? 1964 in Innsbruck fiel der Winter aus, das österreichische Bundesheer zog in einen seiner seltenen Kampfeinsätze. Die Soldaten schleppten Eisblöcke zur Bobbahn und Schnee an die Rennstrecken.

Die Befürworter in Graubünden versprechen kleine, feine Spiele. Ein Kontrastprogramm zu 2018 in Pyeongchang. Und zu 2014 in Sotschi, wo gerade ohne Rücksicht auf Bären, Wölfe und Menschen ein Olympiaort mit Oligarchengeld hochgezogen wird, 40 Milliarden Euro. Graubünden soll nur vier Milliarden Franken kosten, die Zeit der kleinen Spiele ist trotzdem vorbei. Wenn Gilli und seine Leute versprechen, kleinere Spiele garantieren zu können, ist das ein charmanter Hinweis auf die Wehrhaftigkeit der Schweiz. Aber die Schweizer überschätzen ihre Kraft. Nur das IOC entscheidet über Gestalt und Größe seiner Spiele: immer mehr Disziplinen, Athleten, Journalisten, Akkreditierte.

„Es werden bei uns keine kleinen Spiele, stattdessen presst man riesige Spiele in zwei kleine Bergtäler hinein“, sagt Silva Semadeni. Auch die Paralympics müssen gestemmt werden. 2022 werden insgesamt 6000 Sportler untergebracht und transportiert werden müssen. 4500 Sicherheitsbeamte, 23 000 freiwillige Helfer, pro Tag 110 000 Besucher. 150 000 Menschen werden täglich unterwegs sein, in einem Kanton mit 193 000 Einwohnern. Das Bahnnetz muss ausgebaut werden, das kostet Millionen und belastet die Umwelt. Wie die Sportanlagen, die zum Teil ausgebaut oder neu gebaut und dann wieder abgebaut werden müssen. Nachhaltigkeit ist ein sehr dehnbarer Begriff, vor allem in der Planungsphase.

Wenn es stimmt, dass der Berg ruft – ruft er in diesem Fall nicht: Gnade?

Aber man muss sich doch was trauen, sagen die Befürworter. Hopp Schwiiz sei mehr als nur Anfeuerungsgebrüll beim Skifahren. Lillehammer kannte vor den Winterspielen kein Mensch, jetzt ist Lillehammer ein Ort mit Geschichte. Alle, die da waren, schwärmen von Lillehammer.
Aber Lillehammer hat noch immer Schulden, sagt dann Silva Semadeni. Hotels, die wegen der Spiele eröffnet wurden, mussten dichtmachen. Und was für Lillehammer gilt, gilt nicht für St. Moritz: „Wenn ein Ort unbekannt ist, bekommt er durch die Spiele eine gewisse Bekanntheit. Aber St. Moritz und Davos sind schon weltberühmt, St. Moritz ist top of the world , es kann sein Image kaum verbessern.“

Sonntag ist Volksabstimmung. Es geht darum, ob Graubünden die Olympischen Spiele braucht. Es wird auch darum gehen, ob die Olympischen Spiele eher Graubünden brauchen. Im sogenannten freien Teil der Welt diskutieren die Menschen über Umweltschutz, Klimawandel, Nachhaltigkeit, die Debatte verfolgt jede Olympiabewerbung, und sie wird an Schärfe eher noch zunehmen bis 2022. München wäre ein starker Gegenkandidat für Graubünden, allerdings will der deutsche Oberolympionike Thomas Bach neuer IOC-Chef werden: Beides zusammen wird kaum gehen. Sollte München trotzdem ernsthaft die Spiele wollen, müssten die Bürger befragt werden. Auch in Oslo soll es eine Volksabstimmung geben. Und Silva Semadeni sagt: „Wenn in Graubünden zugestimmt wird, was ich immer noch nicht glauben kann, hätten wir noch die nationale Ebene. Es gibt Bestrebungen, dass auch das Schweizer Volk abstimmen kann, nicht nur Graubünden.“

Olympiabewerbungen sind inzwischen Übungen in direkter Demokratie. Nicht ausgeschlossen, dass in allen Kandidatenstädten die Menschen Nein sagen zu den gigantischen Spielen, und zu einem IOC, das in die Veranstaltungsorte einfällt wie eine Besatzungsarmee. Und das sich reformieren muss, wenn es Olympische Spiele in Zukunft nicht nur noch bei Putin und Konsorten austragen lassen will, in Ländern also, die so vordemokratisch organisiert sind wie das IOC selbst.

„Das ist natürlich viel einfacher. Wenn man dort den Staatschef gewinnt, der über die Staatskasse verfügen kann“, sagt leise lächelnd Silva Semadeni, Gesicht und Stimme der Anti-Olympia-Bewegung von Graubünden, am Ende eines langen Kampfes, und irgendwie auch erst am Anfang. Sie legt das Bündner Tagblatt auf den Caféhaustisch zurück, Schlagzeile auf Seite eins: „Das Geheule hält sich in Grenzen.“

Aber damit sind nur die Wölfe gemeint, die echten.

 
Nein am 12.02.2017: Mehr...

Widerstand gegen die Bündner Kandidatur für OWS 2026

Am Beispiel der Bewerbungsdossier «Davos 2010» und «Salzburg 2014» sowie «München 2018» und «St. Moritz 2022» ist bekannt, dass das IOC nicht nur seine Host City-Verträge mit den Veranstaltern erst nach der willkürlichen Vergabe der Spiele abschliesst, sondern knallhart seine Rechte sichert. Alle Wunschvorstellungen, Beteuerungen und Versprechungen werden auch im Bewerbungsdossier für «Graubünden 2026» sehr schnell zur Makulatur.

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Olympiabewerbung «München 2022»

Nein

Das Bündner Volk hat rechtzeitig den Stecker gezogen!

Mit grosser Freude nimmt das Komitee Olympia-kritisches Graubünden den weisen Entscheid der Bündner Stimmbevölkerung zur Kenntnis, sich nicht in ein unkalkulierbares Olympiaabenteuer zu stürzen. Bündnerinnen und Bündner haben klar gezeigt, dass sie auch den zukünftigen Generationen gute Lebensbedingungen garantieren wollen: wirtschaftlich schuldenfrei, die Landschaft als Kapital erhalten und weiterhin Geld für die Unterstützung von nachhaltigem Tourismus, Bildung und Kultur zur Verfügung zu haben.